Wanderer am Weltenrand (Flammarion 1888)
 

Offene Geschichte

Anmerkungen zur Geschichtsschreibung und Geschichtsklitterung - das Ende der Dunkelkammer


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Offene Geschichte - ein Plädoyer gegen die Dunkelkammer

Die Geschichtswissenschaft entnimmt ihre Rohdaten aus den Archiven und aus Interviews mit Zeitzeugen. Dieses Substrat wäre eigentlich jedermann verständlich, es ist nur schwer zugänglich, weil die Archive elektronisch meistens nur rudimentär erschlossen sind. Dahinter steht ein Mengenproblem, denn es wird ständig neues Material angeliefert, das ebenfalls katalogisiert werden muss. Inhaltlich lässt sich der Inhalt eines Staatsarchivs kaum detailliert verstichworten, man beschränkt sich darauf, die Dokumente chronologisch, nach Hauptthema und vor allem nach dem Nachlass (Person oder Organisation) zu erfassen. Leser/innen von historischen Publikationen müssen derzeit den Wissenschaftler/innen blind vertrauen und davon ausgehen, dass sie die Dokumente adäquat zusammengefasst haben und nicht bloss das herauspicken, was ihre Meinung bestätigt. Das Aufrechterhalten dieser Dunkelkammer ist absolut nicht nötig. Alle Forscher/innen könnten zu ihrem Thema eine Internetseite aufstellen, auf der sie ihre Belege online schalten. Mit der Zeit würden die Archive - eine Dienstleistung der Steuerzahler - viel besser erschlossen. Die Erfahrung der interdisziplinären Arbeitsgruppe "Historiografische Validität" ist diesbezüglich sehr gut. Wenn die Archivfrist abgelaufen ist, erteilen die meisten Archive und Organisationen ohne weiteres die Erlaubnis, Fotos der Dokumente online zu stellen. Dies möchten wir hier in die Wege leiten. Eine demokratische und transparente Geschichtswissenschaft: das Ende der Dunkelkammer.

Verlässlichkeit der Geschichtsschreibung

Eine Geschichte muss - wie ein Mosaik aus verschiedenen Steinchen - aus den Belegen aus einer früheren Zeit, rekonstruiert werden. Dazu Seiffert (2006, S.79-80): "Auch in der Geschichtswissenschaft gilt das Gebot, dass Forschungsergebnisse intersubjektiv überprüfbar sein müssen. [...] Denn das Prinzip der Intersubjektivität verlangt ja, dass der Benutzer sich auf die Quellenedition verlassen können muss. Er muss mit der Edition in gewisser Hinsicht so arbeiten können wie mit dem Original, das irgendwo in einer Bibliothek, einem Archiv oder einem Privathaushalt liegt." Die einzelnen Steinchen müssen also dem Augenschein auf das Quellenmaterial standhalten. Das Quellenmaterial wird in der Geschichtswissenschaft mit "Substrat", in der Juristerei mit 'Fakten' (von lat. 'factum', das was bereits passiert ist) und in der angelsächsischen Rechtstradition mit 'evidence' bezeichnet.

Validität

Um die Glaubhaftigkeit einer Erzählung abzuschätzen, benützen wir den wissenschaftlichen Begriff der Validität. Er bezeichnet die Belastbarkeit einer sprachlichen Aussage. Ist sie verbindlich und präzise formuliert? Hält sie dem Vergleich mit anderem Beweismaterial stand? Ist sie in sich konsistent? Sind die Informations-Quellen zuverlässig?

Letztlich können der Erkenntniswert und die Validität einer Erzählung nur eruiert werden, wenn man hinter die Kulissen des Autors auf die Quellenlage blicken kann. Dies ist mit einem unverhältnismässigen Aufwand verbunden. Geschichtsschreibung ist auch eine Dunkelkammer. So werden hier in ausgewählten Fällen einige Materialien online gestellt.

Mehr zu den vier Dimensionen der Validität in:
Haas, Henriette, Zur Würdigung des Aussagenbeweises, Kriminalistik, 71(2) (2017) 117-124.

Geschichtsklitterung

Das Wort "Geschichtsklitterung" stammt aus einem Buch der Renaissance (1575) von Johann Fischart. Es heisst eigentlich "dahin gekleckerte Geschichte" und wurde vom Autor als ein Sprach-Experiment verstanden. Heute benutzt man es für eine falsche Darstellung eines ganzen Mosaiks zu einem Zeit-Thema. Geschichtsklitterung kann ohne böse Absicht passieren, etwa bei Hobby-Historikern, die keine methodische Ausbildung haben. Eine geklitterte Erzählung fällt in der Validitätsprüfung durch, sie hält einem kritischen Blick auf die einzelnen Mosaiksteine nicht stand.

Wissenschaftliches Fehlverhalten, Unlauterkeit, Geschichtsschwindel

Der Unterschied zwischen dem weiteren Begriff 'Geschichtsklitterung' und einem Geschichtsschwindel im engeren Sinn (engl. hoax, scientific misconduct), ergibt sich aus der Absicht der Autors, seine Leserschaft zu täuschen oder willkürlich zu urteilen. Hans-Walter Schmuhl (2005, S. 535) subsummiert unter wissenschaftlichem Betrug das Fabrizieren und Frisieren von Daten, die Manipulation der Methoden, oder das Unterschlagen, Verfälschen oder Erfinden von Ergebnissen. Er warnt allerdings auch, dass methodologische Standards alleine nur den Erkenntniswert schützen. Das Abgleiten in die Kriminalität können sie nicht garantieren. Dazu braucht es weitere Normen, die z.B. medizinische Experimente an Unwissenden oder Unwilligen verhindern.

Online Zugriff auf Schmuhl (2005), Seite 535 (ev. "alle anzeigen" anklicken oder scrollen)

Schmuhl, Hans-Walter. Grenzüberschreitungen: das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927-1945. Vol. 9. Wallstein Verlag, 2005.

Sägesser (2014, Rn 50) resümierte die juristische Definition von Täuschung:
"... jedes Verhalten, das darauf ausgerichtet ist, bei einem anderen durch Einwirken auf dessen psychische Vorstellung eine von der Wirklichkeit abweichende Vorstellung hervorzurufen. Erfasst ist damit jedes ausdrückliche oder stillschweigende Vorspiegeln oder Unterdrücken von Tatsachen bzw. Bestärken in einem Irrtum. Besondere Anforderungen an die Art des Einwirkens bestehen keine, so dass sie jedes Verhalten erfassen, dem ein Erklärungswert hinsichtlich Tatsachen zukommt."
(vgl. BGE 80 IV 156).
Sägesser, Heidi, Opfermitverantwortung beim Betrug, N. 50, Diss., Abhandlungen zum schweizerischen Recht, Stämpfli Heft 799 (Bern 2014).

Eine plumpe Geschichtsfälschung versucht, das Mosaik mit grossen unbelegten oder manipulierten Versatzstücken zu komplettieren. Sie ist entsprechend leicht aufzudecken. Ein raffinierter Geschichtsschwindel hingegen wird mehr auf gezielte Auslassungen setzen und eine besonders feine Stückelung der Mosaiksteinchen vornehmen. An strategisch wichtigen Stellen wird sie viele kleine manipulierte Versatzstücke einfügen. Ein solches Mosaik ist einem impressionistischen Gemälde vergleichbar, in welchem das Publikum bestimmte Szenen zu erkennen vermeint. Nur beim näheren Hinsehen auf die einzelnen Sätze und im Abgleich mit der Quellenlage entdeckt man die Ungereimtheiten zwischen den 'Pinselstrichen' und dem Substrat. Für Kunst und Wissenschaft gelten also ganz andere Spielregeln.

Literatur zur Methodik der Geschichtswissenschaft und zu Pseudowissenschaft


 © Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Historiografische Validität 2018