Wanderer am Weltenrand (Flammarion 1888)
 

Offene Geschichte

Anmerkungen zur Geschichtsschreibung und Geschichtsklitterung - das Ende der Dunkelkammer


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Neues Manuskript 2019

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Aktuell: Der Fall Claas Relotius

Der am 19. Dez. 2018 als Fälscher entlarvte Spiegel-Reporter und mehrfache Preisträger Claas Relotius trägt einige typische Züge von intelligenten Schwindlern, ähnliche wie sie Thomas Mann im Roman Felix Krull beschrieben hat. Anders als man vielleicht meinen könnte, zeigen gewisse Betrüger keineswegs ein grosspuriges Verhalten, sondern sie fallen positiv durch eine bescheidene und hilfsbereite Art auf. Sie wirken wie der ideale Schwiegersohn. Man kennt das Phänomen aus der Wirtschaftskriminalität: Ausgerechnet der beliebte, fleissige Buchhalter hat die Pensionskassengelder der Firma veruntreut, gerade ihm hätte niemand etwas Böses zugetraut. Relotius' modus operandi sei es zudem gewesen, viele Kollegen am vermeintlichen 'making-of' seiner Geschichten teilhaben zu lassen, um sie an Bord zu holen. So kontruierte er neben seinen 'Geistes-Produkten' auch deren 'Entstehung' und pflegte sein Image. Juan Moreno, der die Machenschaften aufgedeckt hat, schreibt sein Vermögen, hinter die perfekte Fassade zu sehen u.a. seiner Unvoreingenommenheit zu. Entscheidend war: "Ich bin Claas Relotius praktisch nie begegnet. Ich kannte ihn nur aus seinen Texten. ... Relotius, so viel habe ich mittlerweile verstanden, muss der netteste Kollege des Planeten gewesen sein." Für die Prävention wäre es ausgesprochen interessant von denen, die auf Relotius hereingefallen sind, noch mehr zu erfahren, weshalb dies so war. Wieso haben sie ihr kritisches Denken ausgeschaltet? Wieso haben sie gewisse Zweifel (die es offenbar gab) in den Wind geschlagen, statt ganz neutral die Fakten zu prüfen? Es wäre hilfreich, wenn die Betroffenen sich auf diese Diskussion einlassen könnten. Im Gegenzug sollten diejenigen, die noch nie einem Schwindler aufgesessen sind, darauf verzichten, andere, die halt Pech hatten, auf billige Weise an den Pranger zu stellen.

SPIEGEL 52/2018: Der Fall Relotius "Es war ein Gefühl", SPIEGEL-Mitarbeiter Juan Moreno beschreibt, wie er den Betrug seines Kollegen Claas Relotius aufdecken konnte.

DIE ZEIT, 21.12.2018: Ein Fall für die Lehrbücher, Analyse von Holger Stark

Eines darf man jedoch sagen: Der SPIEGEL bemüht sich mustergültig um die gründliche Aufarbeitung. Wo gearbeitet wird, passieren Fehler. Was dabei wirklich zählt, ist die Fehlerkultur, der Umgang damit. Verschwörungstheoretiker verschanzen sich hinter ihren Theorien, wenn man ihnen einen Fehler nachweist. Seriöe Fachleute zeichnen sich dadurch aus, dass sie der Wahrhaftigkeit mehr verpflichtet sind als der Eitelkeit. Es braucht moralische und intellektuelle Grösse, eigene Schwächen zuzugeben können. Die Affäre des Geschichtsfälschers Relotius wird hoffentlich das Vertrauen der Leser/innen in diese renommierte Zeitschrift nicht schwächen, sondern stärken.

SPIEGEL 52/2018: Der Fall Claas Relotius - Ein Albtraum, von Clemens Höges

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Offene Geschichte - ein Plädoyer gegen die Dunkelkammer

Die Geschichtswissenschaft entnimmt ihre Rohdaten aus den Archiven und aus Interviews mit Zeitzeugen. Dieses Substrat wäre eigentlich jedermann verständlich, es ist nur schwer zugänglich, weil die Archive elektronisch meistens nur rudimentär erschlossen sind. Dahinter steht ein Mengenproblem, denn es wird ständig neues Material angeliefert, das ebenfalls katalogisiert werden muss. Inhaltlich lässt sich der Inhalt eines Staatsarchivs kaum detailliert verstichworten, man beschränkt sich darauf, die Dokumente chronologisch, nach Hauptthema und vor allem nach dem Nachlass (Person oder Organisation) zu erfassen. Leser/innen von historischen Publikationen müssen derzeit den Wissenschaftler/innen blind vertrauen und davon ausgehen, dass sie die Dokumente adäquat zusammengefasst haben und nicht bloss das herauspicken, was ihre Meinung bestätigt. Das Aufrechterhalten dieser Dunkelkammer ist absolut nicht nötig. Alle Forscher/innen könnten zu ihrem Thema eine Internetseite aufstellen, auf der sie ihre Belege online schalten. Mit der Zeit würden die Archive - eine Dienstleistung der Steuerzahler - viel besser erschlossen. Die Erfahrung der interdisziplinären Arbeitsgruppe "Historiografische Validität" ist diesbezüglich sehr gut. Wenn die Archivfrist abgelaufen ist, erteilen die meisten Archive und Organisationen ohne weiteres die Erlaubnis, Fotos der Dokumente online zu stellen. Dies möchten wir hier in die Wege leiten. Eine demokratische und transparente Geschichtswissenschaft: das Ende der Dunkelkammer.

Verlässlichkeit der Geschichtsschreibung

Eine Geschichte muss - wie ein Mosaik aus verschiedenen Steinchen - aus den Belegen aus einer früheren Zeit, rekonstruiert werden. Dazu Seiffert (2006, S.79-80): "Auch in der Geschichtswissenschaft gilt das Gebot, dass Forschungsergebnisse intersubjektiv überprüfbar sein müssen. [...] Denn das Prinzip der Intersubjektivität verlangt ja, dass der Benutzer sich auf die Quellenedition verlassen können muss. Er muss mit der Edition in gewisser Hinsicht so arbeiten können wie mit dem Original, das irgendwo in einer Bibliothek, einem Archiv oder einem Privathaushalt liegt." Die einzelnen Steinchen müssen also dem Augenschein auf das Quellenmaterial standhalten. Das Quellenmaterial wird in der Geschichtswissenschaft mit "Substrat", in der Juristerei mit 'Fakten' (von lat. 'factum', das was bereits passiert ist) und in der angelsächsischen Rechtstradition mit 'evidence' bezeichnet.

Validität

Um die Glaubhaftigkeit einer Erzählung abzuschätzen, benützen wir den wissenschaftlichen Begriff der Validität. Er bezeichnet die Belastbarkeit einer sprachlichen Aussage. Sind die Informations-Quellen zuverlässig? Ist sie verbindlich und präzise formuliert? Ist sie in sich konsistent? Hält sie dem Vergleich mit anderem Beweismaterial stand? Beruht sie auf kausalen Verknüpfungen?

Letztlich können der Erkenntniswert und die Validität einer Erzählung nur eruiert werden, indem man hinter die Kulissen des Autors auf die Quellenlage blickt. Dies ist mit einem unverhältnismässigen Aufwand verbunden. Geschichtsschreibung ist oft eine Dunkelkammer. So werden hier in ausgewählten Fällen einige Materialien online gestellt.

Mehr zu den vier Dimensionen der Validität in:
Haas, Henriette, Zur Würdigung des Aussagenbeweises, Kriminalistik, 71(2) (2017) 117-124.

Geschichtsklitterung

Das Wort "Geschichtsklitterung" stammt aus einem Buch der Renaissance (1575) von Johann Fischart. Es heisst eigentlich "dahin gekleckerte Geschichte" und wurde vom Autor als ein Sprach-Experiment verstanden. Heute benutzt man es für eine falsche Darstellung eines ganzen Mosaiks zu einem Zeit-Thema. Geschichtsklitterung kann ohne böse Absicht passieren, etwa bei Hobby-Historikern, die keine methodische Ausbildung haben. Eine geklitterte Erzählung fällt in der Validitätsprüfung durch, sie hält einem kritischen Blick auf die einzelnen Mosaiksteine nicht stand.

Wissenschaftliches Fehlverhalten, Unlauterkeit, Geschichtsschwindel

Der Unterschied zwischen dem weiteren Begriff 'Geschichtsklitterung' und einem Geschichtsschwindel im engeren Sinn (engl. hoax, scientific misconduct), ergibt sich aus der Absicht des Autors, seine Leserschaft zu täuschen oder willkürlich zu urteilen. Hans-Walter Schmuhl (2005, S. 535) subsummiert unter wissenschaftlichem Betrug das Fabrizieren und Frisieren von Daten, die Manipulation der Methoden, oder das Unterschlagen, Verfälschen oder Erfinden von Ergebnissen. Die Wissenschafts-Geschichte hat gezeigt, dass es eine spezielle Wissenschaftsethik braucht. Methodologische Standards alleine genügen nicht. Manchmal werden sie sehr weit (zu weit) gefasst und können ein Abgleiten in unethische Praktiken nicht verhindern. Dazu braucht es weitere Normen, die Willkür und Täuschung, sowie Studien an Unwissenden oder Unwilligen verhindern.

Schmuhl, Hans-Walter. Grenzüberschreitungen: das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927-1945. Vol. 9. Wallstein Verlag, 2005.
Online Zugriff auf Schmuhl (2005), Seite 535 (ev. "alle anzeigen" anklicken oder scrollen)

Sägesser (2014, Rn 50) resümierte die juristische Definition von Täuschung:
"... jedes Verhalten, das darauf ausgerichtet ist, bei einem anderen durch Einwirken auf dessen psychische Vorstellung eine von der Wirklichkeit abweichende Vorstellung hervorzurufen. Erfasst ist damit jedes ausdrückliche oder stillschweigende Vorspiegeln oder Unterdrücken von Tatsachen bzw. Bestärken in einem Irrtum. Besondere Anforderungen an die Art des Einwirkens bestehen keine, so dass sie jedes Verhalten erfassen, dem ein Erklärungswert hinsichtlich Tatsachen zukommt."
(vgl. BGE 80 IV 156).

Willkür wird zunächst als Bruch des Verfassungsprinzips von Treu und Glaube (bona fides) definiert. Im Verwaltungsrecht wurde dazu präzisiert (Kantonales Sozialamt Zürich):
"Willkür bedeutet Entscheiden nach Belieben, ohne Ausrichtung an einem Massstab, an allgemeingültigen Gerechtigkeitsvorstellungen. Ein Willkürakt verletzt elementare Gerechtigkeitserwartungen und entzieht sich jeder vernünftigen Begründung."

Eine plumpe Geschichtsfälschung versucht, ein Mosaik mit grossen unbelegten oder manipulierten Versatzstücken zu fabrizieren. Typische Beispiele für mehr oder weniger erfundene Stories findet man im Journalismus (Claas Relotius) oder in angeblichen Autobiografien ("Binjamin Wilkomirski" alias Bruno Dössecker). Ein akademischer Geschichtsschwindel hingegen kann zwar Fakten vorweisen, sie sind jedoch so herausgepickt worden, dass sie die Hypothesen suggestiv zu bestätigen scheinen. Akademische Täter/innen setzen auf gezielte Auslassungen und nehmen eine besonders feine Stückelung der Mosaiksteinchen vor. An strategisch wichtigen Stellen werden sie vereinzelt eines oder wenige unzutreffende Wörter einfügen, die dem Publikum wie eine Zusammenfassung oder ein Kommentar erscheinen. Historische Fakten, die den Thesen widersprechen aber nicht verheimlicht werden können, werden kurzerhand in einen unzutreffenden Kontext gestellt, um sie mit ad hoc erfundenen moralischen Sollvorschriften zu diskreditieren. Ein akademisches Artefakt ist einem impressionistischen Gemälde vergleichbar, in welchem das Publikum bestimmte Szenen zu erkennen vermeint. Nur beim näheren Hinsehen auf die einzelnen Sätze und im Abgleich mit der Quellenlage entdeckt man die Ungereimtheiten zwischen den 'Pinselstrichen' und dem Substrat. Für Journalismus, Kunst und Wissenschaft gelten je andere Spielregeln.

Ein aktuell verbreiteter modus operandi von Geschichtsfälschung beruht auf den Mechanismen der Skandalierung, einer Ansammlung rhetorischer und psycholinguistischer Tricks, mit denen faktenwidrig der Eindruck einer 'erwiesenen Geschichte' erweckt wird. Die Techniken des Insinuierens, Auslassens, Aufbauschens, Maskierens, Verzerrens und Diskreditierens zielen darauf ab, eine falsche Darstellung zu fabrizieren, ohne dass sie von den Betroffenen als Ehrverletzung einklagbar wird. Dazu mehr in den Forschungen von Hans Mathias Kepplinger zur Skandalisierung.

Eine raffinierte Geschichtsklitterung entfacht Polemiken, indem sie vergangene Akteure anhand ad hoc erfundener Soll-Vorschriften misst. Um einen gut dokumentierten Lebenssachverhalt, der seinen Thesen widerspricht, zu diskreditieren, entwirft der Autor am Reissbrett eine idiosynkratische "Norm", die verletzt worden sei. Damit wird das fundamentale Prinzip des römischen Rechts "nulla poena sine lege" verletzt. Der erfundene 'Tatbestand' ist dabei jenseits gültiger Normen konzipiert, an denen sich die Damaligen orientierten, wenn sie sich ethisch korrekt verhielten: jenseits der ärztlichen Standesethik, jenseits des allgemeinen Konsens (z.B. der geistigen Landesverteidigung) oder im Widerspruch zu demokratisch erlassenen Gesetzen und Verordnungen. Josef Mooser (1997) zeigte diese Skandalierungstechnik an einem Beispiel auf. Eine weit herum bekannte historische Diskontinuität, die Schweizerischen Abgrenzung gegen das 3. Reich mit der geistigen Landesverteidigung, wird diskreditiert, indem sie inhaltlich ignoriert oder heruntergespielt wird und stattdessen neu die dazu verwendete Methode kritisiert wird. Mooser schrieb (S. 687): "Gleichsam ins Herz ihrer historischen Tradition stiess die polemische These von Hans Ulrich Jost über den 'helvetischen Totalitarismus': Die 'Anpassung breiter Volksschichten' und von Teilen der Eliten sowie des politischen Systems an den nationalsozialistischen Feind selbst im Streben nach nationaler Unabhängigkeit, weil in der Abwehr Elemente der politischen Kultur des Gegners übernommen wurden. Diese Aussage über die Vertreibung des Teufels mit Belzebub entwertete das Selbstbild einer politischen Generation."

Eine weitere Technik der Geschichtsklitterung besteht darin, reine 'Verflechtungen' und 'Verstrickungen' zu orten und aufzubauschen. Sie beruht darauf, dass Korrelationen und Verbindungen sehr oft nicht ursächlich begründet sind, aber auf die Betrachter prima facie so wirken. So kann jeglicher Kontakt mit inkriminierten Personen/Institutionen als 'Beleg' für eine angebliche historische oder politische Schuld missbraucht werden. Etwa werden Briefe von Deutschen während des 3. Reichs als Quellen für "Verflechtungen" zitiert, unabhängig von deren Inhalt. Damalige Oppositionelle innerhalb des Reichs werden aufgrund unausweichlicher biografischer Momente oder abgepresster Anpassungen als suspekt präsentiert - unter Auslassung ihrer mutigen Taten.

Literatur zur Methodik der Geschichtswissenschaft und zu Pseudowissenschaft


 © Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Historiografische Validität 2018